Ich hatte es ja schon geahnt … aber als ich es dann heute morgen offiziell im Radio gehört habe, hat es mich wirklich traurig gemacht: es wird dieses Jahr keine Osterbrunnen in der Fränkischen Schweiz geben. Natürlich ist es nicht verboten, als Einzelperson oder mit den Mitgliedern des eigenen Hausstandes den Dorfbrunnen zu schmücken: aber die Osterbrunnen, wie wir sie hier in der Fränkischen Schweiz kennen, sind meistens eine Gemeinschaftsaufgabe ganzer Dorfgemeinschaften und diese Aufgabe ist alleine oder mit wenigen Menschen kaum zu bewältigen. Die Fränkische Schweiz feiert Ostern ohne Osterbrunnen: das habe ich in den 20 Jahren, die ich jetzt hier leben darf, noch nie erlebt. Und genau deshalb habe ich heute unbändige Lust, Euch die Tradition der Osterbrunnen einmal auf meinem Blog vorzustellen. Man kommt hier nämlich normalerweise um Osterbrunnen überhaupt nicht herum: egal, durch welches Dorf man fährt, der Dorfbrunnen ist festlich geschmückt. Manchmal sogar passend zum Auto!

Aber woher kommt eigentlich diese Tradition, die in Bayern einmalig ist und die in der Fränkischen Schweiz schon seit über hundert Jahren praktiziert wird? Um diese Frage zu beantworten, muß man sich erst einmal die Landschaft der Fränkischen Schweiz genauer anschauen: geprägt wird sie von der extrem wasserarmen Hochebene der Fränkischen Alb. Wasser war hier schon immer Mangelware und mußte früher in vielen Dörfern zu Fuß von den tiefer gelegenen Quellen mühsam die Berge hinaufgetragen werden. Umso wertvoller war natürlich das kühle Nass! Als dann die ersten Brunnen und Zisternen gebaut worden waren, wurden diese nahezu verehrt: machten sie doch das ohnehin schwere Leben in der kargen und schwer zu bewirtschaftenden Fränkischen Schweiz so viel leichter!

Die Tradition, die Brunnen zu Ostern zu schmücken, reicht also weit zurück: nach der Schneeschmelze mußten die Brunnen ohnehin geputzt werden und so verband man das „fegen“, wie man hier sagt, mit dem Dekorieren des gesamten Brunnens. Traditionell werden lange Girlanden aus Fichtenzweigen mit unzähligen ausgeblasenen und handbemalten Eiern verziert und um den Brunnen gewunden. Der Kreativität sind hierbei keine Grenzen gesetzt: es gibt sogar Orte, die wunderschöne Brunnen schmücken, obwohl sie eigentlich gar keinen Brunnen haben!

In Gaiganz zum Beispiel wird der Brunnen eigens für die Osterzeit aufgestellt, was neben der Kirche Sankt Vitus und vor dem alten Schulhaus ein ganz zauberhaftes Ensemble ergibt.

Will man der Tourismuszentrale der Fränkischen Schweiz glauben, so umfaßt ein „durchschnittlicher“ Osterbrunnen in der Fränkischen Schweiz zum Schluss etwa 80 laufende Meter Girlandenschmuck und circa 1.800 bis 2.000 bemalte Eierschalen! Und das ergibt natürlich vor den zahlreichen wunderschönen Fachwerkhäusern in unserer Region ein bezauberndes Bild.

Aber es geht auch größer: viel größer! In der Fränkischen Schweiz gibt es nämlich nicht nur rund 200 geschmückte Dorfbrunnen, sondern auch den größten Osterbrunnen der Welt, samt gültigem Eintrag im Guinness Buch der Rekorde.

Das kleine Örtchen Bieberbach bei Egloffstein schmückt seinen Löschweiher in der Dorfmitte jährlich mit über 11.000 echten Hühnereiern, Gänseeiern und sogar Straußeneiern!

Jedes einzelne Ei ist in Bieberbach wirklich liebevoll von Hand bemalt worden.

Neben frühlingshaften Motiven sieht man auch viele christliche und speziell österliche Motive auf den zerbrechlichen Eierschalen. Gekrönt wird die ganze Pracht von einer riesigen Krone aus Fichtengirlanden, in deren Mitte eine Glocke mit Eiern hängt, auf denen der Fränkische Rechen, also das Wappen Frankens, zu sehen ist.

Der Osterbrunnen von Bieberbach ist also wirklich einen Besuch wert.

Neben dem Osterbrunnen gibt es in Bieberbach auch eine liebevoll gestaltete Szene aus der „Häschenschule“:

In der Fränkischen Schweiz werden zu Ostern aber nicht nur Brunnen geschmückt, sondern oftmals auch Quellen, wie hier die Lillachquelle:

Wasser ist einfach ein Lebensspender: und dieser wird in wasserarmen Regionen auch in Zeiten funktionierender Wasserversorgung sehr geschätzt. Diese Wertschätzung drückt sich in der Fränkischen Schweiz durch die wunderschön gestalteten Osterbrunnen aus. Wenn es dieses Jahr durch die globale Pandemie keine Osterbrunnen geben kann, dann werden sie im nächsten Jahr sicher umso schöner erstrahlen: ich freue mich schon jetzt darauf!

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