Wir lieben unsere Kinder über alles: wir lieben es, mit ihnen zu leben und auch im Urlaub mit ihnen unterwegs zu sein, ihnen die Welt zu zeigen. Das nur vorweg. Denn es mag für den ein oder anderen jetzt furchtbar egoistisch klingen, aber es ist, wie es ist: wir lieben es auch, alleine unterwegs zu sein, ganz ohne Kinder –  nur zu zweit. Und nur auf den ersten Blick scheint das ein Gegensatz zu sein.

Doch beginnen wir von vorne. Im Leben eines jeden Paares gibt es ja eine Zeitrechnung „vor den Kindern“ und eine Zeitrechnung „nach der Geburt des ersten Kindes“. Vor den Kindern ist man, ganz klar, ein Paar. Nach der Geburt des ersten Kindes sind ganz viele Paare allerdings einfach nur noch Eltern. Und, versteht mich nicht falsch: Eltern sein ist toll! Eltern sein ist eine der größten Herausforderungen und eine der atemberaubendsten Glücksachterbahnen, die man sich vorstellen kann! Wir lieben es, Eltern zu sein.

Aber einer der wertvollsten Ratschläge, die wir in unserem Leben jemals bekommen haben, stammte von der Frau, die uns geholfen hat, unser allererstes Kind zur Welt zu bringen: unsere Hebamme Johanna. Und das war so: als Julia endlich, nach 12 endlos langen (und teilweise sehr verzweifelten) Stunden im Geburtshaus Regenbogen, auf meinem Bauch lag und wir völlig erschöpft und überwältigt von Liebe dieses kleine atmende Geschöpf anstarrten, kam unsere Hebamme nochmals auf uns zu und schaute sehr, sehr ernst. Dann sagte sie diese Worte, die sich so tief in meine Seele eingegraben haben, wie kaum jemals Worte davor oder danach: „Ihr seid heute Eltern geworden und das ist eine der intensivsten Erfahrungen, die man in diesem Leben machen darf. Natürlich werdet Ihr dieses kleine Wesen und seine Geschwister (ja, Johanna ging selbstverständlich davon aus, daß Julia kein Einzelkind bleiben würde!) über alles lieben und das ist auch gut so. Aber jetzt hört mir mal zu: dieses Kind geht spätestens in 18 Jahren seine eigenen Wege und Ihr werdet alleine zurück bleiben. Also sorgt gefälligst dafür, daß Ihr Euch auf dieser Reise als Paar nicht verliert und Euch auch in 18 Jahren noch etwas zu sagen habt. IHR seid der Grundstein dieser Familie! Also pflegt Eure Liebe ebenso, wie Ihr Eure Kinder pflegt!“

Das saß. Und dennoch fiel es natürlich auch uns jungen Eltern schwer, diesen Ratschlag zu beherzigen: das erste Kind gibt man ja sowieso kaum aus der Hand, beim zweiten wird es dann etwas besser … aber ALLEINE VERREISEN? Undenkbar! So versuchten wir die ersten Jahre, die Paarzeit irgendwie im Alltag unterzubringen: was mal besser, mal schlechter gelang. Die Jahre vergingen und immer wieder mußte ich an Johannas Worte denken. Wie sollte das denn möglich sein, zwischen Wickeltisch und Küche und mit einem Schlafdefizit, das man schon lange nicht mehr berechnen konnte? Also kamen wir dann doch, vier Jahre später, auf die Idee, einfach mal alleine wegzufahren und das heimische Ruder komplett in die Hände der Großeltern zu legen: natürlich erst einmal nur für ein verlängertes Wochenende und natürlich nur so weit entfernt, daß man in zwei Stunden wieder zuhause sein könnte … „falls etwas wäre“. Aber es war nichts, natürlich! Es war alles einfach nur wunderbar: wir fühlten uns zum ersten Mal seit vier Jahren wieder so richtig als Paar (und ausgeschlafen!), die Großeltern genossen den Enkeltrubel und die Kinder waren begeistert, von Oma und Opa so richtig verwöhnt zu werden, um hinterher auch noch kleine Mitbringsel von Mama und Papa zu bekommen. Gewinner auf allen Seiten – wie wunderbar ist das denn? So war es im nächsten Jahr schon kaum eine Frage mehr: die Großeltern freuten sich auf die intensive Zeit mit den Enkelinnen und wir freuten uns, vor der Geburt unseres dritten Kindes noch einmal ein paar Tage in Marienbad ausspannen zu dürfen. Nach der Geburt unserer dritten Tochter folgte natürlich wieder eine Reisepause (denn stillen kann auch die beste Oma nicht!) – aber nach einem kurzen Aufenthalt in Marienbad, während dem getestet wurde, ob die besten Großeltern der Welt auch drei Enkelinnen gewachsen waren (sie waren es natürlich!), ging es mit unserer Reiselust erst so richtig los: wir flogen ein Jahr für eine Woche zu unseren Freunden nach Irland, zogen im Jahr darauf eine Woche lang mit unserem VW-Bus durch Norditalien, flogen wieder ein Jahr später mit unseren Freunden für eine unvergeßlich schöne Woche nach Marokko und erkundeten eine Woche lang Südholland im Herbst.

Wie anders war doch das Reisen als Paar oder mit Freunden! Während man beim Reisen mit Kindern ganz oft dieselben Dinge in anderer Umgebung macht (Essen zubereiten, Essen wegräumen, wickeln, spielen, spazieren gehen, Essen zubereiten, ……), dehnen sich die Tage als Paar im Urlaub wie durch ein Wunder aus: es gibt fast nichts, was man muß … aber plötzlich so viele Möglichkeiten! Ausschlafen! Stundenlang frühstücken und dabei Bücher lesen! Wie hatten wir das vermisst. Ausflüge machen, ohne auf die Mittagsschlafzeiten achten zu müssen, spät abends noch Essen gehen oder in´s Kino – es war herrlich. Und das beste war: nach einer Woche, die vollständig und ganz nur uns alleine gehörte, freuten wir uns wieder so sehr auf unsere Kinder – und von dieser Freude haben ganz sicher alle profitiert. Als ich dann 2014 mit dem vierten Kind schwanger war, ging es eine Woche mit unseren Freunden in ein Wellnesshotel nach Mecklenburg-Vorpommern und das war auch gut so: denn dann war erst einmal drei Jahre lang Schluß mit den Paarurlauben. Gründe dafür gab es mehr als genug: der Bub wollte wesentlich länger gestillt werden als seine Schwestern, zudem war er auch allgemein das anhänglichste unserer Kinder. Dann kam auch noch unser großer Umzug … bis wir soweit waren, Haus und Kinderschar wieder in die vertrauten Hände zu legen, vergingen über drei Jahre: umso mehr haben wir unsere Woche im Strandhäuschen in Holland letztes Jahr dann aber auch genossen. Es gibt einfach nichts schöneres, als zu spüren, wie der „Kinderalltag“ langsam von uns abfällt und wir wieder zu dem werden, was wir sind und für immer bleiben wollen: ein Paar!

Die ersten Gespräche drehen sich immer noch um die Kinder, um Alltagsorganisation. Aber dann lassen wir all das hinter uns und sind nur noch im Moment: was wollen wir gerade? Was brauchen wir gerade? Aber auch: wovon träumst Du? Wo siehst Du uns in 10 Jahren, in 20 Jahren? Und dann werden Johannas Worte plötzlich ganz konkret: denn ja, auch wenn man es oft nicht wahrhaben möchte, während man knietief in Windeln, Hausaufgaben und Dreckwäsche versinkt – das alles wird irgendwann hinter uns liegen. Irgendwann wird unser Haus aufgeräumt bleiben, wenn wir es aufgeräumt haben und wir werden uns vielleicht ein kleines bißchen danach sehnen, über Ostheimertiere im Flur zu stolpern und über Schleich-Pferde auf dem Rasen. Und dann wäre es doch wunderschön, wenn da dieser jemand wäre, mit dem alles begann. Mit dem man furchtbar naiv in dieses „Abenteuer Kinder“ geschlittert ist und der immer da war: beim Vorlesen am Abend, beim Halten einer fiebrigen Hand und beim Springen von den allerhöchsten Klippen im Sommerurlaub. Jemand, der die dunkelsten und die hellsten Deiner Stunden mit Dir geteilt hat. Jemand, der bleibt. Und das wird nicht Dein Kind sein.

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9 Kommentare
  1. Sandra sagte:

    Danke, dass du deine Erfahrung mit uns teilst! Das hat mich inspiriert und ich werde es im Hinterkopf behalten. Bei uns macht sich Nr. 2 gerade zur Geburt bereit, aber alles hat seine Zeit und für Paarzeit wird auch wieder die Zeit kommen.

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  2. Lisa sagte:

    Eine vierfache Mama hat jetzt Tränen in den Augen. Unsere Kleinste ist auch noch sehr anhänglich aber ich merk mir das für in 1-2 Jahren und überleg schon mal wo wir fahren können 😊

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  3. Maike sagte:

    Liebe Uta,
    das ist ein sehr ermutigender Blogbeitrag. Ganz wunderbar geschrieben. Wir haben keine Familie vor Ort und unsere Kinder waren bzw. sind immer noch sehr anhänglich. Wenn nur ich mal abends weggehen möchte gibt es viele Tränen.Obwohl unsere Kinder schon 10 und 7 Jahre alt sind. Die einzige Oma traut sich das Zugfahren nicht mehr zu und damit ist es nicht möglich hier mal jemanden einzuquartieren und wegzufahren. Aber du hast mich daran erinnert es zumindest dann im Kleinen auszuprobieren. Nun steht dieses Jahr ein Umzug mit Landwechsel an und damit wird es vermutlich noch einmal schwierig, aber ich werde mir Gedanken machen kleine Paarzeiten zu organiseren. Und da mein Mann glücklicherweise ganz offen dafür ist und sich auch immer wieder einmal Eheabende wünscht, bin ich nur die Termin-bzw. Betreuungsorganisatorin, aber nicht alleine mit dem Wunsch nach Zweisamkeit.
    Danke für dein Post und damit daran erinnern!
    Liebe Grüße, Maike

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  4. Claudia sagte:

    Das hast Du sehr schön geschrieben und mich bestärkt auch einen Urlaub zu zweit zu planen. Und meine Tochter wird schon 13… aber bis jetzt hat es bis auf eine Nacht noch keine längere Zeit zu zweit gegeben. Höchste Zeit also das zu ändern 😉

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  5. Verena sagte:

    Oh ist das schön geschrieben, da kommen mir fast die Tränen. Wir haben es noch nicht gewagt ohne die Kinder zu verreisen (wird wegen stillen auch noch dauern). Aber insgeheim freue ich mich schon drauf 😉

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  6. Anna (blinzelbiene😉) sagte:

    Liebe Uta!
    So wunderbar geschrieben💗 und ja genau, man vergisst viiiiiel zu oft im Alltag dass man auch ein Liebespaar ist und es noch lange lange bleiben will- und diese Liebe muss gepflegt werden!
    Hier in Singapur ist es für uns gerade schwer so eine Elternauszeit zu nehmen😪 so ganz ohne Großeltern in der Nähe- es war zwar sogar schon etwas geplant für die Zeit während eines Großeltern-Besuches aber wie das Leben so spielt kam leider ein Trauerfall in der Familie dazwischen…
    Egal, jetzt kommt in wenigen Monaten erst mal unser drittes Kind und dann kehren wir auch spätestens in 1,5 Jahren in die Heimat zurück und bis dahin träumen und planen wir den Paarurlaub in unseren geliebten Bergen oder vielleicht einfach nur als Mehr-Tages-Radtour durch unser schönes Frankenland😉😉😉

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    • Uta sagte:

      Das glaube ich, daß das während eines Auslandsaufenthaltes schwer bis gar nicht möglich ist – aber dafür erlebt Ihr gerade ein großes Familienabenteuer! Alles hat seine Zeit. Und Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude!

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