Morgen beginnt mit dem „Schmotzigen Dunschtig“ in meiner Heimatstadt Tuttlingen wieder die Hauptzeit der Fastnacht (dort natürlich „Fasnet“ genannt): und auch wenn Tuttlingen als protestantische Stadt erst wieder seit 1975 einen Narrenverein hat, so bin ich doch mitten in einer der traditionsreichsten Gegenden der schwäbisch-alemannischen Fastnacht aufgewachsen.

Rund um Tuttlingen gibt es so viele Hochburgen der Fasnet mit jahrhundertealten Traditionen, daß eine Saison allein niemals ausreicht, um alle kennenzulernen. Deshalb kann ich Euch nur ermuntern, die Fastnachtstage einmal im schönen Südwesten Deutschlands zu verbringen, um eine ganz andere Art des Karnevals kennenzulernen. Die schwäbisch-alemannische Fastnacht wurde übrigens 2014 in das Bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes mit allen Formen, Bräuchen und Ausprägungen aufgenommen.

Wenn man zur Fasnetszeit in das Gebiet der schwäbisch-alemannischen Fastnacht reist – und dieses erstreckt sich vom Südwesten Deutschlands bis in die Nordschweiz – wird man überall von herausgeputzten Städten und Dörfern gegrüßt, deren Straßen mit Narrenbändeln geschmückt wurden.

Um eine möglichst große Anzahl verschiedener Narren zu sehen, empfiehlt es sich, ein Narrentreffen oder einen der großen Straßenumzüge anzusehen: Auswahl gibt es mehr als genug! Ob verkleidet oder nicht: jeder darf sich bei Straßenumzügen der schwäbisch-alemannischen Fasnet an die Straße stellen und die Hästräger bewundern. Häs ist die Bezeichnung des Kostüms, welches häufig von einer handgeschnitzten Holzmaske, der Larve, gekrönt wird.

Die Figuren der schwäbisch-alemannischen Fasnet sind so unterschiedlich wie die Dörfer und Städte, aus denen sie kommen: denn oft fließen Sagen und Legenden aus den jeweiligen Orten in die Kostüme und Masken der Narrenzünfte hinein.

Ich weiß noch genau, welch schreckliche Angst ich als Kind vor den Hexen hatte: eine traditionsreiche Figur der schwäbisch-alemannischen Fasnet!

Immer, wenn meine Oma von weitem sah, daß Hexen kommen würden, ging sie mit mir weg von der Straße und, wann immer es ging, einen Treppeneingang hinauf: leider hat das eine eifrige Hexe einmal nicht davon abgehalten, uns hinterherzugehen und ich werde nie vergessen, wie ich mich voller Angst an meine Oma klammerte und aus Leibeskräften schrie, bis die Hexe Erbarmen zeigte und ihre Larve abnahm. Niemals hätte ich gedacht, daß sich darunter ein Mann verbergen könnte!! Er schenkte mir ein „Gutsle“ (Bonbon), strich mir über das Haar und verabschiedete sich – ich war nochmal mit dem Schrecken davongekommen und fand es seitdem doch sehr beruhigend zu wissen, daß sich echte Menschen unter den oft grausigen Verkleidungen befanden!

Dabei waren die Hexen in meiner Kindheit noch viel wilder (um genau zu sein, so wild, daß einige Jahre später gut sichtbare Nummern am Häs Vorschrift wurden, damit kein ganz anonymes Narrentreiben mehr möglich war!)! Sie kletterten mit ihren Strohschuhen flink Fassaden hoch, sodaß nicht einmal die Menschen, die von ihren Wohnungen aus den Umzug verfolgten, sicher vor ihnen waren! Ein besonderes Auge haben die Hexen und Teufel auf die jungen Mädchen geworfen, die sie nicht selten ein paar Meter forttragen oder anderweitig ärgern.

Überhaupt wird die Interaktion mit dem Publikum bei der schwäbisch-alemannischen Fasnet großgeschrieben: da werden Haargummis und Hüte geklaut, Haare verwuschelt und Gesichter bemalt. Aber eines ist sicher: als kleiner Trost winkt immer eine Süßigkeit. Und manchmal darf man sogar so manchen rauhen Gesellen kraulen.

Als Kind war ich immer froh, wenn als Nächstes eine Gruppe freundlicher Weißnarren kam: diese sind immer friedlich und nett und verteilen gerne mit vollen Händen ihre „Gutsle“ an die Kinder.

Aber es gibt nicht nur Bonbons in den Körben der Hästräger: manchmal erwarten einen auch Federn und Konfetti, die einem in die Haare gerieben werden!

Eine ganz traditionelle Art, das Publikum zu ärgern, sind die „Saublodern“: ja, genau – Schweineblasen, die an Stecken hängen und mit denen die Narren gerne mal jemanden spielerisch verhauen.

Tierkostüme spielen auch eine große Rolle in der schwäbisch-alemannischen Fastnachtstradition.

Und so mancher Wolf entpuppt sich dann doch als Schaf im Wolfspelz, das gekuschelt werden möchte und Bonbons an die Kinder verteilt.

Nicht zuletzt die Nähe zum Bodensee sorgt dafür, daß an Narrenumzügen in unserer Gegend oft mehr oder weniger schauerliche Wassergestalten zu sehen sind.

Aber schauerlicher geht es natürlich immer:

Begleitet werden die Umzüge im Gebiet der schwäbisch-alemannischen Fasnet traditionellerweise von zahlreichen Guggenmusik-Gruppen und Spielmannszügen – es wird getanzt, gehüpft und viel gelacht. Vielleicht konnte ich Euch ja Lust darauf machen, das bunte Treiben selbst einmal zu erleben? Ich finde, die schwäbisch-alemannische Fasnet ist auf jeden Fall einen Besuch wert.

Wenn Dir mein Blog gefällt und Du mich als kleines Dankeschön gerne auf einen Kaffee einladen möchtest, dann klicke hier

2 Kommentare
  1. Jutta Rosenbauer-Frick sagte:

    Hallo Uta,
    Wieder einmal ein sehr netter Artikel, den ich gleich mit ins Seniorenheim nehmen werde zum Vorlesen.
    Bei manchen Maske hätte ich zu gerne gewusst, was es mit ihr auf sich hat.
    Viele Grüsse
    Jutta

    Antworten
    • Uta sagte:

      Liebe Jutta!
      Vielen Dank für Deine lieben Worte: ich freue mich sehr!
      Und ich stimme Dir vollkommen zu: es gibt in jeder Narrenzunft so viele interessante Erstehungsgeschichten zu den einzelnen Häs! Es gibt in Baden-Württemberg auch mehrere sehr interessante Museen, die sich speziell der schwäbisch-alemannischen Fastnacht widmen!
      Ganz liebe Grüße von
      Uta

      Antworten

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Hinweise zur Verarbeitung Deiner Angaben und Widerspruchsrechte: Datenschutzerklärung.